A. M. Homes - Auf dass uns vergeben werde

geschrieben am 01. Mai 2014 von Hannah in Gelesen

 

Am Anfang begeistert und dann zunehmend skeptisch habe ich das aktuelle Buch von A. M. Homes gelesen.

Die Autorin hatte mich schon länger interessiert, ich hatte von ihr gehört als wichtige neue Stimme der amerikanischen Literatur. Schriftstellerinnen wie Zadie Smith und Jeanette Winterson überschütten sie mit Lob. Für "May we be forgiven" sie dann den Womens Prize for Fiction 2013 erhalten, eine wichtige Auszeichnung für englischsprachige Schriftstellerinnen.

Der Plot des Romans ist schnell erzählt und ich verspreche ich verrate nicht zu viel, denn all dies geschieht auf den ersten 40 Seiten: Mann beginnt Affäre mit der Frau seines Bruders, Bruder kriegt es raus und erschlägt seine Frau, Mann bleibt zurück in den Trümmern seines Lebens in fremdem Haus mit Hund, Katze und den zwei minderjährigen Kindern des Bruders, der ins Gefängnis wandert.

Auf dem Klappentext wurde das Buch als "extremely funny" und "hilarious" gepriesen, meint man ja nach dem Einstieg erstmal nicht aber ich habe tatsächlich zwei mal Tränen gelacht. Auch sonst war ich anfangs sehr angetan, die Sprache ist klar und schnörkellos, die Psychologie der Figuren stimmig und besonders die Annährung des schuldzerfressenden Onkels an seine quasi verwaisten Nichte und Neffen überzeugend und sehr anrührend. Dazu gibt es Szenen von befriedigend schwarzen Humor und Respektlosigkeit.

Interessant ist auch die amerikanische Dimension des Romans (angesiedelt ist er übrigens in dem fiktionalen Städtchen Westchester, New Jersey, eine Hommage an John Cheever). Der Protagonist Harry ist ein Geschichtsdozent der sich mit Richard Nixon beschäftigt. Er sieht die Ära Nixon als symptomatisch für das letzte Aufbäumen des "alten" Amerikas und das finale Scheitern des American Dreams. Diese historische Komponente bietet viel Raum um über das "Amerika" von gestern und heute zu reflektieren. Auch die Menschen auf die Harry im Verlauf des langen Romans trifft (Nachbarn, Supermarkt-Bekanntschaften, Sex-Dates, Psychater) erscheinen wie ein Panorama des modernen amerikanischen Mittelklasse-Lebens in den Suburbs. Ständig werden irgendwo Burger gegrillt und große Sundae-Icecreams gegessen.

Nach und nach (im letzten Drittel) schleicht sich allerdings ein anderer Ton in den Roman, den ich mir erst kaum erklären konnte: es fängt an zu menscheln. Nach all den Katastrophen mit den Harry in kurzer Zeit fertig werden musste (einige von ihnen gleiten im Verlauf der Erzählung durchaus ins Abtruse, fast schon Unglaubwürdige), wenden sich die Dinge plötzlich zum Besseren. Harry entwickelt nicht nur eine Beziehung zu den Kindern seines Bruders, er adoptiert auch den kleinen Jungen, der durch einen von Harrys Bruder George provozierten Unfall zum Waisen wurde. Dazu kommen die dementen Eltern einer Zufallsbekanntschaft, eine Reise nach Südafrika inklusive weisem Medizinmann und am Ende des Romans sitzen alle an der Thanksgiving-Tafel umgeben von familiärem Glück. Oder wie eine Rezensentin es formuliert: "Just as the darkness is growing promisingly rich, Homes begins to bathe us in cosy lamplight".

Ich habe nach dieser Wendung zum Besseren eher ein bisschen das Interesse an der Geschichte verloren und war enttäuscht nach dem rasanten Start und der scharfen Beobachtung und Analyse des" American Everyday Life" mit einem etwas weichgespülten Happy-End aus der Lektüre entlassen zu werden. 

Alles in Allem hat mir das Buch aber mehr Vergnügen als Verdruß bereitet und ich werde sicher bald ein weiteres Buch von A. M. Homes lesen - zum Beispiel "The End of Alice", einen Skandalroman um eine pädophile Teenagerin. 

 

 A. M. Homes - May we be forgiven. Granta Books 2013, 480 S., 8,80 Euro 

A.M. Homes - Auf dass uns vergeben werde, Kiepenheuer und Witsch 2014, 672 S., 22,99 Euro

 

 

 

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