Ben Lerner - 10:04

geschrieben am 21. Januar 2016 von Hannah in Gelesen

Cover Ben Lerner 10:04

 

 

Ab und an stößt man ja auf ein Buch das anders ist als alle anderen Bücher die man je gelesen hat - mir ist das in letzter Zeit gleich zweimal passiert (siehe Eintrag über Miranda July).


Ben Lerners 10:04 ist natürlich ganz anders als The First Bad Man aber in Stil und Art auch ungewöhnlich und recht einzigartig. Ich weiß auch garnicht ob die Gattungszuschreibung Roman oder im englischen "Novel" so gut passt. Autobiographie und Fiktion verschwimmen, darin ist der Text den beiden schönen Büchern Open City und Every Day belongs to the Thief von Teju Cole ähnlich.

 

In 10:04 geht es um einen Schriftsteller (namens Ben), der in Brooklyn lebt (wie Ben Lerner) und gerade einen Literaturpreis für seinen gefeierten ersten Roman gewonnen hat (wie Lerner für seinen Roman Atocha Station) und nun einen großen Vorschuss für einen zweiten Roman erhält - der Roman den die LeserIn mit 10:04 in den Händen hält.

Der autobiographische Grundstein ist also gelegt, im Folgenden entwickelt sich der Roman auf verschiedenen Ebenen. Die Handlungsebene (auf der allerdings tatsächlich auch erstaunlich viel passiert) erzählt chronologisch die wichtigsten Ereignisse im Leben des Schriftstellers: bei ihm wird ein möglicherweise tödliches Herzleiden festgestellt, seine beste Freundin Alex wünscht sich ein Kind von ihm, zwei Hurrikane fegen über New York, er verbringt einen Monat in der Wüste.

Viel wichtiger aber ist noch die zweite Ebene des Textes, die die Erzählung des Autors, seine Beobachtungen, Erinnerungen und Wahrnehmungen in ständigem Dialog verflicht und so dem Text ein unterliegendes Fundament, ein größeres Gewicht gibt.

Aus der reinen Introspektive in Erlebnisse der Vergangenheit, der Gegenwart und Projektionen in die Zukunft erschafft Lerner einen Text von großer Kunstfertigkeit; gewoben aus Bildern und Überlegungen, die in ihrer Verdichtung über seine persönlichen Erlebnisse hinausweisen auf einen größeren kulturellen, politischen, gesellschaftlichen Zusammenhang.

Die Intertextualität - ständig gibt es Verweise auf Filme, Bücher andere AutorInnen, Ereignisse des kollektiven Gedächtnisses - wird noch vertieft durch die tatsächlichen Bilder (Fotos, Kopien, Gemälde), die im Text abgebildet sind und ihm so eine weitere Bedeutungsebene hinzufügen.

 

So wird aus der Schilderung eines Jahrs im Leben des Ich-Erzählers (ob autobiographisch oder fiktional tut nichts zur Sache) eine kluge Reflektion über die Gegenwart, eine Zustandsbeschreibung über das persönliche hinaus in der die LeserInnen immer wieder Anknüpfungspunkte zu ihrem eigenen Leben finden.

 

Ben Lerner - 10:04. Granta Books 2015, 11,60 €.

Ben Lerner - 22:04. Rowohlt Verlag, 19,99 €. Erscheint am 22.01.2016

 

 

 

 

 

 

Diesen Artikel teilen: