Georges Perec - Denken/Ordnen

geschrieben am 28. Oktober 2015 von Hannah in Gelesen

Cover Ben Lerner 10:04

 

 

Gestern stand ich mit einer Freundin abends vor einem Schaufenster im Prenzlauer Berg und wir sahen zu wie die Uhrzeit von 19:58 auf 19:59 und schließlich auf 20:00 Uhr umsprang.

Sehr interessant, denkt Ihr nun wahrscheinlich, dazu solltet Ihr aber wissen dass wir eine durchaus ungewöhnliche Uhr betrachteten:

erfinderladen-berlin.de/2011/09/06/die-zeit-lauft

 

Warum standen wir fasziniert von dem Vorgang, dass wir immerhin drei Minuten dabei zusahen? Ich bin der Meinung dass die Faszination viel mit dem menschlichen Bedürfnis nach Ordnung, Struktur, Effizienz zu tun hat.

Und das stimmt schließlich auch mit der Meinung der Freundin überein, die bemerkte dass eine solch "sinnlose" Tätigkeit nur beim Menschen vorkommen könnte (im Gegensatz zur Tierwelt). Es ist anscheinend menschlich (bei manchen mehr, bei anderen weniger ausgeprägt) den Wunsch nach Struktur und Vergnügen bei Erschaffung derselben zu empfinden, auch wenn das Erreichte letztlich "sinnlos" ist.

 

Dabei musste ich an das kleine Büchlein "Denken/Ordnen" von Georges Perec denken, das ich einige Tage zuvor gelesen hatte.

Der Diaphanes Verlag bringt dankenswerterweise nach und nach die Texte des französischen Schriftstellers wieder im Deutschen heraus. So nun auch sein letztes Buch, eine Sammlung bereits anderweitig erschienener kleiner Texte, die Perec 1985, ein Jahr vor seinem Tod, unter dem Oberbegriff Denken/Ordnen (Penser/Classer) zusammengefasst hat.

Perec macht sich dort Gedanken über die "individuellen Bürokratien", die der Mensch entwickelt um  immer wieder Struktur in seine Umgebung zu bringen oder umgekehrt, eine straffe, einengende Struktur aufzureißen. Um dann die nächste zu konstruieren. Dabei lässt sich natürlich auf bereits bestehende, überlieferte Ordnungssysteme zurückgreifen, aber diese können immer nur ein Anfang sein:

Es ist so verführerisch, die ganze Welt nach einem einzigen Code aufteilen zu wollen; ein allgemeines Gesetz würde demnach die Gesamtheit aller Phänomene regeln: zwei Hemisphären, fünf Kontinente, männlich und weiblich, tierisch und pflanzlich, singular plural, rechts links, vier Jahreszeiten, fünf Sinne, sechs Vokale, sieben Wochentage, zwölf Monate, sechsundzwanzig Buchstaben. Leider funktioniert das nicht, es hat nicht einmal zu funktionieren angefangen, es wird nie funktionieren.

 

Das liest sich sehr reizvoll. Zum Beispiel in dem Text über die verschiedenen Möglichkeiten und Schwierigkeiten seine Bücher zu ordnen, in einem Überblick über die Gegenstände, die auf seinem Schreibtisch liegen oder den Überlegungen zu verschiedenen Anwendungen des Verbes "wohnen".

 

Denken/Ordnen ist aber auch Buch über das Schreiben. Denn was ist Schreiben, wenn nicht fortlaufendes Denken und Ordnen? Perec hat das Schreiben (und das Leben selbst) immer wieder mit einem Puzzle-Spiel verglichen. Er war Mitglied der Gruppe Oulipo, ein Zusammenschluss von Schriftstellern, die mit selbst auferlegten Spielregeln, Aufgaben und Zwängen experimentierten. (Berühmt sein Roman La Disparition, ein Roman der ganz ohne den Buchstaben e auskommt. Und das Gegestück, Les Revenentes, in dem einzig das e als Vokal vorkommt).

So kommt Perec in immer wieder aufs Schreiben zurück, gleich im ersten Text „Anmerkungen über das was ich suche“ geht es um die Textarten (es sind vier), die ihn immer wieder interessieren, auf die er immer wieder zurückkommt. Oder er beschreibt in „Orte einer List“ die Routine seine Psychoanalyse, die allem gelegentlichen Überdruss zum Trotz  immer wieder zum "Aufbrechen des Schreibpanzers" führte.

 

Der Band enthält zwar auch Texte, die die Geduld strapazieren (wie die 81 Kochrezepte, die drei gleiche Gerichte variieren), ist aber im Kleinen und im großen Zusammenhang ein sehr kurzweiliges Lesevergnügen, das spielerisch und verschmitzt von einer Ebene zur anderen, von einem Thema zum anderen, geordnet und ungeordnet, gleitet.

 

Georges Perec: Denken/Ordnen. Diaphanes 2015, 12,95 Euro.

 

 

 

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