Miranda July - The first bad Man

geschrieben am 31. Juli 2015 von Hannah in Gelesen

 

 

Das ist ja immer so eine Sache mit den Superlativen! Aber dieses Buch, der neue Roman von Miranda Juliy, ist tatsächlich eines der merkwürdigsten Bücher, die ich je gelesen habe. Aber auch eines der berührendsten und die Art und Weise wie Miranda July diese Mischung herstellt ist bemerkenswert und ziemlich faszinierend.

 

Protagonistin der Geschichte ist Cheryl Glickman, einer ältliche Jungfer mit merkwürdigen Gewohnheiten,  alleinstehend und eine Art Mädchen für Alles in einer Non Profit Organisation für die Selbstverteidigung von Frauen. Unsicher und wenig erfolgsverwöhnt kann Cheryl sich nicht gegen ihre egoistischen New-Age Chefs durchsetzen - ein Paar für das sie seit Jahrzehnten arbeitet und das ihr dennoch nie den angestrebten Platz im Vorstand anbieten wird -  und diese drücken ihr die Beherbergung ihrer 20-jährigen Tochter Clee aufs Auge.


Der Konflikt ist vorprogrammiert: Cheryl, deren pedantische Haushaltsführung darin besteht nur so wenig Objekte wir möglich zu benutzen ( “Before you move an object far from where it lives, remember you’re eventually going to have to carry it back to its place – is it really worth it? Can’t you read the book standing right next to the shelf with your finger holding the spot you’ll put it back into?") und die zwar wunderschöne aber sozial verwahrloste und schlampige Clee, die sich auf Cheryls Sofa häuslich einrichtet, den Fernseher Tag und Nacht laufen lässt und sich ausschließlich von Tiefkühlgerichten ernährt.

 

Cheryl duldet das unmögliche Verhalten und die Verachtung ihrer neuen Mitbewohnerin mit einer für die LeserIn schwer zu ertragenen Passivität - man möchte sie rütteln und schütteln! Doch dann entwickelt sich eine ganz eigene Beziehung zwischen den beiden Frauen. "Ganz eigen" ist allerdings eine hemmungslose Untertreibung - und egal was Ihr Euch jetzt vorstellt: es ist noch seltsamer, noch bizarrer! - aber ich möchte nicht zu viel verraten. Diese Annäherung führt zu einer unerwarteten Allianz und am Ende doch auch zu einer Art von Glück.

 

Es mag sein dass die Merkwürdigkeiten des Romans angesichts des recht schmalen Personalreigens etwas überhand nehmen. Neben Cheryl und Clee gibt es noch Cheryls Schwarm Phil, den agilen Mittsechziger der die Liebe seines Lebens mit einer Minderjährigen lebt. Oder die Therapeutin, die seit Jahren in den dubiosen Heilpraktiker verliebt ist der drei mal im Jahr ihre Praxisräume belegt und mit dem sie in ein kompliziertes Rollenspiel verwickelt ist (er Arzt, sie Rezeptionistin) sowie einige mehr.

 

Teilweise ist die Dichte der Exzentrität also recht hoch, July ironisiert hier natürlich auch und übertreibt es dabei an der einen oder anderen Stelle. Was mich aber, nach anfänglicher Skepsis, ausnahmslos für das Buch eingenommen hat ist ihre Fähigkeit unter all der geschilderten Absurdität immer wieder eine Art tiefe Wahrheit aufscheinen zu lassen: Wahrheiten von Beziehungen (egal welcher Art), Wahrheiten von Einsamkeit, Wahrheiten von Liebe, Wahrheiten von Intimität.

The first bad Man ist insofern auch (in Cheryls Worten): "“a great American love story for our time.”

 

 

Miranda July - The first bad Man. Cannongate Books 2015

 

Miranda July - Der erste fiese Typ. Kiepenheuer und Witsch, 2015. 19,99. Erscheint am 17.08.2015

 

 

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