Neue Bücher im Herbst

geschrieben am 14. September 2018 von Hannah in Gelesen

 

Der neue Roman von Stephan Thome ist etwas ganz anderes als man bisher von dem renommierten deutschen Autor gelesen hat: Ein historischer Roman aus China, Mitte des 19. Jh. Titelgebend und den Roman zusammenhaltend ist der Aufstand einer christlichen Sekte, die weite Teile des Reiches mit Krieg und Terror überziehen. Thome ist aber auch Sinologe und hat sich vorgenommen „Taiping Aufstand“, der 30 Millionen Menschenleben gekostet haben soll, mit seinem Roman auch außerhalb Chinas bekannt zu machen.


Der Titel des Romans ist doppelsinnig zu verstehen: Barbaren sind in Chinas Augen die christlichen Ausländer, die ins Land drängen um Handel zu treiben und grobschlächtig ohne Feingefühl oder Kenntnis der Gepflogenheiten des fremden Reiches agieren. Diese wiederum halten die Chinesen für Barbaren, die ein verhunztes christliches Dogma als Vorwand zu Gewaltexzessen missbrauchen.


Geschickt verwebt der Roman die Erzählperspektiven mehrere Personen, von denen drei zentral für den Fortgang und die Schilderung der Handlung sind:


Ein junger deutscher Missionar, der sich nach der gescheiterten März-Revolution im Auftrag von Basler Missionaren ins ferne China aufmacht. Dort soll er sich ein Bild von der dort tobenden Rebellion zu machen - und sich, soweit möglich, für die missionarische Sache engagieren. Er rückt ins Zentrum der Rebellen vor.


Lord Elgin, britischer Sonderemissär, der sich - wider Willen aber in Erfüllung seiner diplomatischen Pflicht - von einer ergebnislosen Audienz mit chinesischen Würdenträgern zur nächsten quält und versucht die britischen Handelsinteressen gegenüber dem riesigen Kaiserreich durchzusetzen. Fast beiläufig und beginnt und führt er dabei den zweiten britischen Opiumkrieg.


Zeng Guofan, Kommandeur der Hunan-Armee führt den Kampf gegen die Rebellen, ein zum Kriegsherrn berufener chinesischer Gelehrter, der so mächtig wird, dass selbst der Kaiser ihn fürchten muss. Als Gelehrter, der wider Willen zum Soldaten wurde, legt der General Wert auf die konfuzianischen Tugenden Mitleid und Familiensinn, sein Leben aber verbringt er mit den Soldaten auf dem Schlachtfeld und scheitert an seinen Idealen.


Es macht großen Spaß diesen breit angelegten und kenntnisreichen Roman aus dem alten China zu lesen – Thome versteht es verschiedene Erzählperspektiven, auch Zeitungsausschnitte, Tagebucheinträge, Briefe etc. spannend und rhythmisch zu kombinieren und erschafft lebendige Figuren. Seinen Witz und seine Tragik zieht der Roman aus einem Konflikt, der aktueller nicht sein könnte: die Ratlosigkeit der (westlichen) Zivilisation vor der fremden Kultur und der Entlarvung ihrer ahnungslosen Arroganz.

 

Stephan Thome - Der Gott der Barbaren. Suhrkamp 2018, 25 Euro.