Osterferienlektüre

geschrieben am 30. April 2014 von Hannah in Gelesen

Kinder lesen im Kornfeld

 

Wenn eine von uns in den Ferien ist, ist es an der Anderen den Laden zu schmeißen: das heißt sehr viel Zeit in der Buchkönigin zu verbringen. Und diese Zeit lässt sich natürlich hervorragend nutzen um Liegengebliebenes zu bearbeiten, mal so richtig gründlich sauber zu machen oder auch ausgiebig zu LESEN - dazu kommen wir nämlich auch als Buchladenbesitzerinnen oft viel zu selten. 

Prima Wetter, also habe ich die zwei Stunden in der wir vor dem Laden Sonne bekommen, in den letzten Tagen dazu genutzt mich nach draußen zu setzen und mir endlich ein paar Bücher anzusehen, die ich schon lange auf meiner Wunschleseliste hatte. 

 

Eine tolle Entdeckung war in jedem Fall Katja Kullmann - Rasende Ruinen (Suhrkamp, 93 seiten, 5,99 Euro). Katja Kullmann beschreibt nicht nur ihre Reise nach Detroit im Jahr 2011 und die desolate Lage der Stadt - ganze Stadteile liegen verlassen da, andere sind nicht ohne Lebensgefahr betretbar, Detroit gilt als die gefährlichste und traurigste Großstadt der USA - sondern auch die Konzepte die die Stadt wieder zum Leben erwecken sollen. Dabei macht sie sich kluge Gedanken um Zusammenleben, Gemeinschaft und die Möglichkeit Lebensräume in der Stadt zu besetzen und neu zu beleben. Eine interessante dokumentarische Bestandsaufnahme einer Stadt im Ausnahmezustand und eine Anregung zum Weiterdenken!

 

Erstaunlich gut und flüssig geschrieben war Katja Eichinger - Amerikanisches Solo (Metrolit Verlag 2014, 256 S., 19.90 Euro). Der erste Roman der Witwe des Kinoproduzenten Bernd Eichinger spielt in L.A., Kalifornien. Protagonist ist der exzentrische und extrem erfolgreiche Jazzmusiker Harry. Der ist ein ausgeprägter Einzelgänger und Menschenfeind, der sich die Menschen und besonders seine aufdringlichen Fans am liebsten komplett vom Leibe halten würde. Als er neue Nachbarn bekommt verliebt er sich aus der Ferne leidenschaftlich in die junge Frau, die in der Beziehung zu ihrem wesentlich älteren Ehemann offensichtlich sehr unglücklich ist. Harry beschließt sie zu retten und verliert schon bald die Kontrolle über das Geschehen. Ein  solider und  psychologisch schlüssiger Thriller, bei dem ich mich erst mit dem Helden identifizierte um ihn dann (zu spät) zu durchschauen - also so wie es sein sollte. Und auf jeden Fall ein Buch für Freunde und Freundinnen des Jazz.

 

Zwei Bände über die neuere deutsche Geschichte Ulrike Edschmid - Das Verschwinden des Philip S. (Suhrkamp 2014, 156 S., 8 Euro) und das wieder neu aufgelegte Frau mit Waffe (Suhrkamp 2014, 173 S., 8 Euro) konnten mich auch einen Vormittag lang fesseln. In beiden Bänden geht es um die 60er und 70er Jahre der Bundesrepublik, um Menschen die aus den verstaubten gesellschaftlichen Verhältnissen ausbrechen wollten und im Terrorismus endeten. Es geht um die Zeit als sich innerhalb der deutschen Linken langsam jene abspalteten, die sich bewaffneten und Terrorakte verübten. "Philip S." war der Partner Edschmids, sie erzählt über den unaufhaltsamen Verlust eines geliebten Menschen und von seinem Abtauchen in den militanten Untergrund. Die "Frau mit Waffe" ist einmal Katharina de Fries und einmal Astrid Proll, deren Lebensgeschichten und Mitwirkung in der RAF Ulrike Edschmid protokollartig und einfühlsam erzählt. 

 

Zu guter Letzt habe ich mir David Reybrouck - Kongo (Suhrkamp 2013, 783 S., 14 Euro) vorgenommen. Dieses Buch hatte ich nun schon wirklich lange auf der Liste und bin dann doch immer vor seinem Umfang zurückgeschreckt. Noch kann ich nicht sagen ob mich das Thema über 800 Seiten fesseln wird, aber die ersten hundert Seiten sind vielversprechend. In leichtem Plauderton führt Reybrouck in die Lektüre ein, er schildert seine Bemühungen Zeitzeugen für die Jahre seit 1870 zu finden, wo seine Geschichte des Kongo einsetzt. Zu seiner Überraschung findet er tatsächlich einen Gesprächspartner: Nkasi, der angibt sich noch zu erinnern an die ersten Weißen, die Missionare, den berühmten Entdeckungsreisenenden Stanley und die schrittweise Kolonialisierung die dann folgte.

Ausgehend von diesem Gespräch und unter Rückgriff auf mehrere schriftliche Erinnerungen aus der Zeit entfaltet Reybrouck in fast schon plauderndem Erzählton ein Panorama des Kongo-Gebietes. Er erzählt von der geographischen Beschaffenheit des riesigen Landes, von dem großen Fluss der ihm seinen Namen gab, von  der Lebensweise der Menschen in seinen verschiedenen Regionen. Er erzählt von den politische Entwicklungen in Europa, dem großen Run auf Besitz in Übersee und den Ambitionen des belgischen Königs Leopold II, dem es tatsächlich gelang sich dieses große Stück des afrikanischen Kontinents einzuverleiben. 

Bisher wirklich genauso fesselnd und unterhaltsam wie es die Kritik versprach!

 

 

 

 

 

 

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