Weihnachten-Spezial

geschrieben am 02. Dezember 2014 von Nina in Gelesen

 

Henrik Tikkanen, Brändövägen8 Brändö. Tel.35, Verbrecher Verlag:

Henrik Tikkanen, 1924 in Helsinki geboren und 1984 verstorben dürfte den wenigsten deutschen oder überhaupt nicht-finnischen Menschen ein Begriff sein. In Finnland gilt er aber längst als Kult-Autor. Der Verbrecher Verlag hat sich jetzt dem ersten Teil seiner „Adressbücher-Trilogie“ angenommen und das erste Buch einer Trilogie auf deutsch veröffentlicht.

Ich, als bekennende Finnland-Liebhaberin, bin ganz begeistert von dem Band. Tikkanen lässt seinen Ich-Erzähler, der ihm wohl sehr ähnlich sein dürfte, die Geschichte seiner Familie erzählen.

Brändö (finn. Kulosaari) ist ein kleine Insel im Stadtgebiet von Helsinki, die 1907 von reichen schwedischsprachigen Kaufmannsfamilien nach dem Vorbild englischer Gartenstädte als Villenvorort angelegt wurde, „für gebildete Schwedisch sprechende Menschen aus gutem Hause und ohne finanziellen Sorgen“ , wie es in Tikkanens Roman heißt. In diesem Umfeld wächst Tikkanen auf und beschreibt in seinem Buch mit einem wunderbar skurrilen und bissigen Humor den Aufstieg und Fall seiner Familie, die der schwedischen Minderheit in Finnland der 1920er und 30er Jahre angehört, die das Land mit ihrem Reichtum und ihrer aristokratischen Herkunft und Denkweise beherrschen.

Eine wirkliche Entdeckung, nicht nur für Skandinavienfans, es erzählt einen Teil (nord-)europäischer Geschichte der vielen nicht bekannt sein dürfte! Lehrreich, bitterböse und erhellend!

 

Maxim Leo, Waidmannstod, Kiepenheuer&Witsch

Eine Krimi-Empfehlung der Buchkönigin... das ist wirklich nicht so häufig, aber um diese Empfehlung komme ich nicht herum. Maxim Leo hat einen ganz wunderbar unterhaltsamen und, wie ich finde, authentischen Brandenburg-Krimi geschrieben. Sein Kommissar Voss, gebürtiger Brandenburger, ist gerade in sein Heimatdorf zurückgekehrt, als ein Toter im Wald entdeckt wird. Im Laufe der Ermittlungen kommt es immer wieder zu überraschenden Begegnungen des Kommissars mit Menschen und Orten seiner Vergangenheit. Voss ist eine interessante und kauzige Figur, er lebt bei seiner alten Mutter und ist begeisterter Ornithologe. Der Beschreibung der brandenburgischen Flora und Fauna sowie die Eigenheiten der Bewohner fließen wie ganz selbstverständlich in die kriminalistischen Handlungen mit ein. Gefällt mir ausgesprochen gut und ich hoffe auf weitere Fälle von Kommissar Voss.


Landesumweltamt Brandenburg(Hrsg.), Wildes Brandenburg, L&H Verlag

Es wird ja immer beliebter, das Rausfahren am Wochenende. Völlig zu Recht, wie ich finde. Ich habe schon vor einigen Jahren das nähere und weitere Berliner Umland entdeckt und bin ganz glücklich über das (lange angekündigte) Buch „Wildes Brandenburg“. Der Band stellt 15 Großschutzgebiete in Brandenburg vor (einen Nationalpark, drei Biosphärenreservate und elf Naturparks) und schildert anschaulich und kenntnisreich die Entwicklung der Natur- und Kulturlandschaften. Jedes Gebiet wird ausführlich beschrieben, die hier lebende Tiere und bemerkenswerten Pflanzen werden erwähnt und es gibt immer einen Hinweis zu Besucherinformationszentren und Kontaktadressen. Besonders schöne Wanderwege werden erwähnt und kurz erläutert. Wer nicht einfach nur „rausfahren“ will, sondern sich für die Entwicklung und Entstehung von Lebensräumen von Ruppiner Land, Niederlausitz, Uckermark usw., den Artenreichtum und Naturschutz interessiert wird von diesem Buch bestimmt so begeistert sein wie ich.


Thomas Meyer, Rechnung über meine Dukaten, Salis Verlag

Während ich das hier schreibe sind es noch 4 Tage bis zur Lesung mit Thomas Meyer in der Buchkönigin. Die Lesung findet zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt statt, Hannah ist im Urlaub, ich muss alles alleine organisieren und dann ist die Veranstaltung auch noch an einem Samstag Abend, vermutlich kein allzu guter Termin für eine Lesung. Dennoch, es gab nur diesem einen Termin und ich wollte unbedingt, dass Thomas nochmal kommt und bei uns liest.

Seine neuer Roman erzählt die Geschichte des absurden Plans König Friedrich Wilhelms I. eine Leibgarde bestehend ausschließlich aus großen Männern zu erschaffen, genannt Die langen Kerls. Meyer schreibt die Geschichte nah an der Person des völlig wahnsinnig wirkenden Königs und nimmt zwei der Riesen heraus um deren Geschichte detaillierter zu beschreiben.

Der Roman hält sich weitgehendst an historisch überlieferte Tatsachen, die Ausarbeitung und Umsetzung hin zu einer grotesken und humorvollen Prosa allerdings hätte man nicht besser hinkriegen können. Ein Buch zum darüber wundern, zum lachen und zum Kopf schütteln. Ich bin und bleibe ein großer Fan von Thomas Meyer, weil er es als einer der wenigen Autoren schafft, lustig-kluge Bücher zu schreiben, die ich lesen mag!


Franz Friedrich, Die Meisen von Uusimaa singen nicht mehr, S. Fischer Verlag

Um dieses Buch bin ich seit seinem Erscheinen im späten Sommer immer wieder herumgeschlichen und war der Meinung, dass es ein Titel für mich sein könnte. Ich weiß nicht, wie und wann ich es in den letzten Tagen geschafft habe, aber ich habe es gelesen und finde es ganz wunderbar. Das mache ich nicht so gerne, wäre ja auch zu einfach, das immer so zu halten, aber ich zitiere einen Satz aus dem Klappentext des Buches, weil der es (was ziemlich selten vorkommt) auf den Punkt bringt: „Dieser Debütroman legt vorsichtig eine neue Wirklichkeit über unsere alternativlos erscheinende Gegenwart.“

Ein stilles und unaufgeregtes Buch, das eine ganz eigene, ruhige Dynamik entwickelt. Finnische Inseln, plötzlich verstummende Vögel und eine Berlin-Geschichte verweben sich leichtmaschig zu einer Geschichte, die es schafft schöne und eigenwillige Bilder unserer Gegenwart und einer eventuellen Zukunft zu erschaffen. Ein Buch, auf das ich mich gerne eingelassen habe und das einen erstaunlichen Nachhall in mir hinterlassen hat.

 

Und weil ich natürlich über das Jahr noch viel mehr gelesen habe noch ein Liste von Büchern die mich in diesem Lesejahr begleitet haben und die bislang nicht erwähnt wurden:


Ursula Krechel, Landgericht, btb

Sprachgewaltig und mit fassbar sprachlicher Dichte wird hier anhand einer Familie die wenig erzählte deutsche Nachkriegsgeschichte durchleuchtet. Persönliche Schicksale schildern die Zerrissenheit der deutschen Gesellschaft kurz nach Ende des 2. Weltkriegs.


Frank Schulz, Onno Viets und der Irre vom Kiez

Frank Schulz lesen ist eine Offenbarung! Lange habe ich überlegt, dieses Buch hier ausführlich zu besprechen, das werde ich nicht, kann ich gar nicht. Wer keine Krimis mag und meint schon alles gelesen zu haben sollte zu diesem Krimi greifen! Jetzt lesen, gut finden und im Februar auf den zweiten Teil freuen.


Selim Özdogan, DZ, Haymon Verlag

Dieses Buch hat mich beeindruckt. Es geht vordergründig um Drogen, aber es geht um so viel mehr. Eine Dystopie, ein Gesellschaftsroman, ein Blick in die Abgründe der Menschen, ein Buch über Freundschaft und Verlust.

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