Die Buchkönigin liest und empfiehlt

Wir möchten euch an dieser Stelle die Bücher zeigen, hinter denen wir voll und ganz stehen: ungeschönt, authentisch und ehrlich. Ganz egal ob vielbesprochene Instabubble-Größen, abseitig Nerdiges, Unterhaltungsliteratur, tiefgründige Erzählungen, Lyrik, Sachbuch oder Ratgeberin. Sei es poetisch, verschlungen, sachlich, verspielt, klassisch oder experimentell: Wir zeigen euch, was uns wirklich gefallen hat!

Schaut auch gern in unserem Webshop vorbei, dort präsentieren wir euch Aktuelles, Gelesenes und Empfohlenes.

 

Samstag, 06. August 2022

A Room of One's Own

Wir freuen uns sehr über die verschiedenen kurzen Formen, die uns dieses Jahr von uns geliebten Autor_innen vorliegen und möchten euch diese feinen Stücke nicht vorenthalten!

 

Antje Rávik Strubel: Es hört nie auf, dass man etwas sagen muss

Welch eine Wonne! Antje Rávik Strubel schreibt galant und eindrücklich, verhandelt in Essays, Reden, Kurztexten prosaisch wie lyrisch, sachlich wie emotional, Fragen um Nicht_Identität, Bewegung, Stillstand, um Nicht_Revolutionen in Literaturbetrieb, Gender_Diskursen und dem Schreiben selbst. Mit Klugheit und einer unvergleichlichen Selbst_Reflexion lotet Strubel aus, bringt auf den Punkt, erkundet neugierig wie abgeklärt zugleich und regt zum Weiter_Denken an. Ihre intertextualen bezüge zu Virginia Woolf sind dabei noch das I-Tüpfelchen We love it!

Strubel, Anjte Rávik: Es hört nie auf, dass man etwas sagen muss; S. Fischer 2022; 24€

 

Sharon Dodua Otoo: Herr Gröttrup setzt sich hin

Mit dieser feinen Zusammenstellung dreier Texte Sharon Dodua Otoos wird die Verknüpfung ihres künstlerischen Schaffens zwischen 2016 und 2022 und dessen universellen Dimensionen spürbar. Startpunkt ist „Herr Gröttrup setzt sich hin“, mit welchem Otoo 2016 den Bachmann-Preis erhielt und sie zu ihrem Debutroman Adas Raum inspirierte. Mit „Dürfen Schwarze Blumen Malen?“ hielt sie 2020 die Eröffnungsrede zum Bachmann-Preis und thematisiert darin Fragen zu Diversität im Literaturbetrieb. Abschließend erlaubt uns Otoo einen Blick in ihr literarisches Verhältnis zu ihren Eltern in „Härtere Tage“, der den Band abschließt und die Sammlung somit gelungen abrundet.

Otoo, Sharon Dodua: Herr Gröttrup setzt sich hin; S. Fischer 2022; 18€

 

Helene Hegemann: Schlachtensee

Snoopy, das Meer und ich; Das Lamm und das Gespenst; Befreiungskriege; Sie ist geschäftlich in...; Wie es sich anfühlt ein Krebs zu sein: dies sind nur ein paar der Titel dieser Sammlung von Kurzgeschichten und sie spiegeln hervorragend ihre Vielgestalt wieder.

Wir lesen in den mit großem thematischem Einfallsreichtum aufwartenden Episoden Hegemanns in leiser Form, die sich gleichsam immer wieder durch unerwartete Entwicklungen und Metaphern selbst aufbricht. Auch wenn ihre popkulturellen Andeutungen zuweilen etwas erzwungen wirken, so sind wir insgesamt sehr begeistert von dieser widersprüchlichen Prosa, die eine große Vielfalt sprachlicher Bilder entwirft!

Hegemann, Helene: Schlachtensee; Kiepenheuer & Witsch 2022; 23€


Mittwoch, 08. Juni 2022

Senthura Varatharajah: Rot (Hunger) & Jenny Hval: Perlenbrauerei

Diesen Monat widmen wir uns zwei Titeln, die uns an die Grenzen des Körperlichen bringen. Materie verliert ihre Formen, nimmt neue an, mäandert surreal durch das Textgefüge. Sie wird zerschlagen, ver_un_vollständigt.

Senthura Varatharajah: Rot (Hunger)

Mit den Worten „Das ist eine Liebesgeschichte.“ beginnend, wagt sich Senthura gekonnt an sein prägnantestes Motiv: das Verlangen des Verzehrens. Des In-Sich-Aufnehmens, Einverleibens. Es ist keine romantische Erzählung, sondern ein Roman, nein, ein Gedicht, ein Sich-Zusammenfügen von Fragmenten. Keine leichte Kost. Vielmehr eine Herausforderung von Grenzen des Sagbaren, Schreibbaren, Fühlbaren, Denkbaren. Seine Form erlaubt es den Lesenden ebenso in das Buch gesogen zu werden, wie die namenlosen Protagonist_innen in ihre Begehren. Die Erzählung gestaltet gerade erst durch ihre Form ihren Inhalt: Varatharajah schafft somit einen Text für alle experimentierfreudigen Leser_innen. Rot (Hunger) lebt in seiner Prozesshaftigkeit und entfaltet sich durch das Lesen selbst.

Varatharajah, Senthura: Rot (Hunger); S. Fischer 2022; 23€

 

Jenny Hval: Perlenbrauerei

Es gibt Texte, die lassen einen nicht mehr los. Kurz nachdem ich Perlenbrauerei gelesen habe, war mir noch nicht klar, wie oft mich seine Stimmung wieder einholen würde. Es war ein interessant absurdes Buch, das mich mit widersprüchlichen, alltäglichen und drastisch-absurden Beschreibungen zu fesseln vermochte, ich fühlte mich gut unterhalten. Als ich jedoch auch nach 2 Wochen noch feststellte, wie oft ich mich in der Stimmung des Textes wiederfinden würde, wurde mir klar, wie hervorragend Jenny Hval eben jene zu schaffen vermochte.

Wir begleiten die Austauschstudentin Jo in einer ihr unbekannten Umgebung. Sie findet Unterschlupf in einer alten Brauerei, die ihr und ihrer Mitbewohnerin Carral, durch von dünnen Spanplatten getrennten Räumen, als Wohnraum dient. Die Räume verschwimmen und zerfallen jedoch mehr und mehr, auch ihre Körper scheinen mit der Umgebung zunehmend zu verschmelzen. Es wachsen Flechten und Pilze, Flüssigkeiten treten zutage und selbst die kleinsten Geräusche sind kaum mehr auszublenden. Die Beziehung der beiden Figuren verändert sich, es kommen wenige weitere Schauplätze hinzu. Dreh- und Angelpunkt bleibt aber die Perlenbrauerei mit all ihren sich entwickelnden Identitäten.

„Die norwegische Musikerin und Schriftstellerin Jenny Hval schafft in ihrer Prosa das, wofür auch ihre Musik gefeiert wird: Ein so tiefer wie kompromissloser Blick auf Identität und Sexualität, Begehren und Körper.“

Hval, Jenny: Perlenbrauerei; März Verlag 2022; 22€


Freitag, 01. April 2022

Dilek Güngör: Vater und ich

Güngörs Roman ist ein Kammerspiel: Die erfolgreiche Journalistin Ipek besucht den Vater übers Wochenende; die Mutter ist für einige Tage weggefahren. Es ist eine ungewohnte Situation, eine intime Atmosphäre, eine unvermittelte Konfrontation. Niemand ist da, der die Sprachlosigkeit wegreden, niemand, der das Unbehagen mindern könnte. In vielen kleinen Gesten der Unbeholfenheit wird die immer offensichtlicher werdende Ferne erzählt. Es ist darin eine doppelte Verzweiflung zu spüren: Es fehlen die sprachlichen Mittel, den Graben zu überwinden und die körperliche Fremdheit vertieft ihn noch weiter.

Ähnlich wie Annie Ernaux, Édouard Louis und Didier Eribon unternimmt auch Dilek Güngör den tastenden, mutigen Versuch, der Wortlosigkeit mit einer großen Offenheit, einer ungeschönten Sprache zu begegnen. Und mit einer Form, die weder dem konventionellen Roman entspricht noch einer Autobiografie, weder literarische Flucht ist noch bekenntnishafte Selbstoffenbarung. Tatsächlich trägt „Vater und ich“ die Gattungsbezeichnung „Roman“, aber doch lässt sich das Buch gut in eine Reihe stellen mit jenen in den letzten Jahren vermehrt erscheinenden Memoires, die Fragen von Herkunft und Klasse umkreisen: Mit einer einfachen, suchenden Sprache stöbert Güngör die kleinen, schambehafteten Momente auf, die im Persönlichen ihre Sprengkraft entfalten, aber immer auch eine gesellschaftliche Dimension haben. Denn die Entfremdung, die sie schildert, ist nicht nur „hausgemacht“: Sie hat zu tun mit den feinen Unterschieden und Rissen, mit denen Klassenwechsler, zudem mit migrantischem Hintergrund, konfrontiert werden.

Je weiter der zurückgelegte Weg in eine andere Welt, desto schwerer die Rückkehr ins Herkunftsmilieu. Und die Suche nach einer gemeinsamen Sprache.

Güngör, Dilek: Vater und ich.; Verbrecher Verlag 2021; 19€


Freitag, 01. April 2022

Anna Yeliz Schentke: Kangal

Ein Leben in Istanbul. Für die Einen Erfüllung, für die Anderen kaum auszuhalten. Aber ist es wirklich so einfach? Dilek muss und will sich entscheiden, für ein Leben, ihr Leben: kann sie der ständigen Angst vor Verfolgung entfliehen? Wie kann sie sich kritisch gegen eine Regierung äußern, die gnadenlos gegen jegliche Opposition vorgeht? Gibt es für sie einen Ort der Sicherheit und des Vertrauens?

Sie entscheidet sich für Deutschland als Möglichkeitsort ihres Daseins, versucht sich zunächst alleine durchzuschlagen. Die politischen Netzwerke sind weit verzweigt und Dileks Furcht vor einer Strafe ist omnipräsent. Dann trifft sie auf ihre Cousine, die sie Jahre lang nicht mehr gesehen hat, da sich Mutter und Tante aus ihr nur erahnbaren Gründen zerstritten haben. Wie kann eine Versöhnung stattfinden, wenn Erfahrungen aus Furcht nicht erzählbar werden?

Die Struktur des ständigen Perspektivwechsels in Kangal ermöglicht die Betrachtung verschiedener Erfahrungswelten mit einem oppressiven Staat und machen das jeweilige Unverständnis gegenüber den anderen Protagonist:innen verstehbar und tragisch zugleich. Im Vordergrund stehend scheint Dilek, alles um sie herum nur Kulisse, um ihren Erfahrungen Raum zu geben, sie in Abgrenzung nahbar zu machen. Doch erst das Panorama der subjektiven Blickwinkel lässt die Komplexität der Geschehnisse, Emotionen, Gedanken und Gefühle erahnen.

Ein starker Roman über Loyalität, Verrat, Vertrauen, Flucht und Kampf.

Schentke, Anna Yeliz: Kangal; S. Fischer Verlag 2022; 21€


Freitag, 18. März 2022

Kinsky, Esther: Rombo

Ein Erdbeben erschüttert. Aber erschüttert es auch unabhängig vom Menschen? Wie wäre die Sprache einer vermenschlichten Natur um „il rombo“, dem Grollen, das ein Erdebeben ankündigt? Welche physischen und psychischen Schicksale verbinden die Geschehnisse, wenn sich die Erde in unbändiger Wucht bewegt und von welcher Materie kann als einer natürlichen berichtet werden, wenn es sich um solche Bewegungen handelt?

Naturereignisse in Beziehung zum Anthropozän, ob unabdingbar verknüpft mit dessen Wirken oder gerade losgelöst von der Arroganz des menschlichen Schaffens, Esther Kinsky nimmt sich ihrer an und fast sie in eine solch feine Sprache, dass es kaum auszuhalten ist. Ihr Stil ist wirklich einmalig, sprachlich wie narrativ bewegt sich Rombo auf höchstem Niveau ohne sich dabei aufzudrängen.

Kinsky, Esther: Rombo; Suhrkamp Verlag 2022; 24,00€


Freitag, 18. März 2022

Kaśka Bryla: Die Eistaucher

Iga, Ras, Jess und Saśa verbindet dieses unheilvolle Ereignis. Wozu ihre jeweiligen Erfahrungen mit erlebten Ungerechtigkeiten führen, erschließt sich den Lesenden spannungsreich Stück für Stück. Ras, der meint seinen Verstand zu verlieren, sieht sich in einer Abwärtsspirale gefangen. Iga, ihr Board Loaded Dervish immer unter den Füßen, zwischen Ablehnung und Anziehung ihrer Umwelt gleitend, treibt es immer mehr Richtung Isolation. Jess' Gewahrwerden der Unzulänglichkeiten des Lebens schwankt zwischen Aktionismus und Theoretisierung. Saśa mit seiner Überschreitung des Menschlichen.…

Dialog und Schilderung halten sich stilistisch die Wage, die Erzählweise ist sprunghaft-linear, die Perspektiven glaubhaft und intensiv. Wie eine brüchige und gleichsam dichte Eisschicht nehmen die Ereignisse Formen an. Das Ganze ist gespickt mit mysthisch-unheilvollen Elementen, die eine Kluft zwischen Realität und Fiktion schaffen und dabei ebenso real daherkommen, wie alltäglich-banales.

Ob mit Loaded Dervish oder nicht, Die Eistaucher von Kaśka Bryla hat einfach Drive und die vier Aussenseiter:innen Iga, Ras, Jess und Saśa bleiben einem lange im Gedächtnis.

Bryla, Kaśka: Die Eistaucher; Residenz Verlag 2022; 24,00€


Freitag, 18. März 2022

Müllensiefen, Domenico: Aus unseren Feuern

Müllensiefens Protagonist Heiko stellte mich beim lesen von Aus unseren Feuern regelmäßig auf die Probe: sympathisch, unsympathisch, Opfer, Täter, Arschloch?! Ich weiß es bis heute nicht und gerade das macht die Stärke der Figuren in diesem Roman aus. Süffig, roh und körperlich ist diese Sprache, die es gleichsam schafft ihre Protagonist:innen verletzlich zu zeichnen.

Wir begleiten Heiko bei seiner, teilweise sehr detailliert beschriebenen Arbeit als Leichenbestatter, es kommt soweit, dass er einen seiner besten Freunde auf dem sterilen Tisch betten muss. Seine Emotionen erschließen sich den Lesenden indirekt, Heiko ist kein Freund der großen Worte. Das gegenwärtig Erlebte führt zu Rückblenden in seine Jugendjahre, deren Ereignisse inhaltlich wie sprachlich in die Gegenwart reichen.

Drei Jugendliche, die ihren Platz zu finden versuchen, einerseits sich passiv den Gegebenheiten anpassend, andererseits voller Wut und dem Drang sich zu beweisen. Ruppig-tragisch-komische Dialoge stehen gekonnt neben trocken Erzähltem und schaffen so ein gutes Gespür für Heikos Innenleben, auch wenn er selbst dazu schweigt. Ich kann es kaum erwarten, dass Domenico Müllensiefen noch sehr viel mehr veröffentlicht, ich bin großer Fan!

Müllensiefen, Domenico: Aus unseren Feuern; Kanon Verlag 2022; 24,00€