Die Buchkönigin liest und empfiehlt

Wir möchten euch an dieser Stelle die Bücher zeigen, hinter denen wir voll und ganz stehen: ungeschönt, authentisch und ehrlich. Ganz egal ob vielbesprochene Instabubble-Größen, abseitig Nerdiges, Unterhaltungsliteratur, tiefgründige Erzählungen, Lyrik, Sachbuch oder Ratgeberin. Sei es poetisch, verschlungen, sachlich, verspielt, klassisch oder experimentell: Wir zeigen euch, was uns wirklich gefallen hat!

Schaut auch gern in unserem Webshop vorbei, dort präsentieren wir euch Aktuelles, Gelesenes und Empfohlenes.

 

Freitag, 01. April 2022

Dilek Güngör: Vater und ich

Güngörs Roman ist ein Kammerspiel: Die erfolgreiche Journalistin Ipek besucht den Vater übers Wochenende; die Mutter ist für einige Tage weggefahren. Es ist eine ungewohnte Situation, eine intime Atmosphäre, eine unvermittelte Konfrontation. Niemand ist da, der die Sprachlosigkeit wegreden, niemand, der das Unbehagen mindern könnte. In vielen kleinen Gesten der Unbeholfenheit wird die immer offensichtlicher werdende Ferne erzählt. Es ist darin eine doppelte Verzweiflung zu spüren: Es fehlen die sprachlichen Mittel, den Graben zu überwinden und die körperliche Fremdheit vertieft ihn noch weiter.

Ähnlich wie Annie Ernaux, Édouard Louis und Didier Eribon unternimmt auch Dilek Güngör den tastenden, mutigen Versuch, der Wortlosigkeit mit einer großen Offenheit, einer ungeschönten Sprache zu begegnen. Und mit einer Form, die weder dem konventionellen Roman entspricht noch einer Autobiografie, weder literarische Flucht ist noch bekenntnishafte Selbstoffenbarung. Tatsächlich trägt „Vater und ich“ die Gattungsbezeichnung „Roman“, aber doch lässt sich das Buch gut in eine Reihe stellen mit jenen in den letzten Jahren vermehrt erscheinenden Memoires, die Fragen von Herkunft und Klasse umkreisen: Mit einer einfachen, suchenden Sprache stöbert Güngör die kleinen, schambehafteten Momente auf, die im Persönlichen ihre Sprengkraft entfalten, aber immer auch eine gesellschaftliche Dimension haben. Denn die Entfremdung, die sie schildert, ist nicht nur „hausgemacht“: Sie hat zu tun mit den feinen Unterschieden und Rissen, mit denen Klassenwechsler, zudem mit migrantischem Hintergrund, konfrontiert werden.

Je weiter der zurückgelegte Weg in eine andere Welt, desto schwerer die Rückkehr ins Herkunftsmilieu. Und die Suche nach einer gemeinsamen Sprache.

Güngör, Dilek: Vater und ich.; Verbrecher Verlag 2021; 19€


Freitag, 01. April 2022

Anna Yeliz Schentke: Kangal

Ein Leben in Istanbul. Für die Einen Erfüllung, für die Anderen kaum auszuhalten. Aber ist es wirklich so einfach? Dilek muss und will sich entscheiden, für ein Leben, ihr Leben: kann sie der ständigen Angst vor Verfolgung entfliehen? Wie kann sie sich kritisch gegen eine Regierung äußern, die gnadenlos gegen jegliche Opposition vorgeht? Gibt es für sie einen Ort der Sicherheit und des Vertrauens?

Sie entscheidet sich für Deutschland als Möglichkeitsort ihres Daseins, versucht sich zunächst alleine durchzuschlagen. Die politischen Netzwerke sind weit verzweigt und Dileks Furcht vor einer Strafe ist omnipräsent. Dann trifft sie auf ihre Cousine, die sie Jahre lang nicht mehr gesehen hat, da sich Mutter und Tante aus ihr nur erahnbaren Gründen zerstritten haben. Wie kann eine Versöhnung stattfinden, wenn Erfahrungen aus Furcht nicht erzählbar werden?

Die Struktur des ständigen Perspektivwechsels in Kangal ermöglicht die Betrachtung verschiedener Erfahrungswelten mit einem oppressiven Staat und machen das jeweilige Unverständnis gegenüber den anderen Protagonist:innen verstehbar und tragisch zugleich. Im Vordergrund stehend scheint Dilek, alles um sie herum nur Kulisse, um ihren Erfahrungen Raum zu geben, sie in Abgrenzung nahbar zu machen. Doch erst das Panorama der subjektiven Blickwinkel lässt die Komplexität der Geschehnisse, Emotionen, Gedanken und Gefühle erahnen.

Ein starker Roman über Loyalität, Verrat, Vertrauen, Flucht und Kampf.

Schentke, Anna Yeliz: Kangal; S. Fischer Verlag 2022; 21€


Freitag, 18. März 2022

Kinsky, Esther: Rombo

Ein Erdbeben erschüttert. Aber erschüttert es auch unabhängig vom Menschen? Wie wäre die Sprache einer vermenschlichten Natur um „il rombo“, dem Grollen, das ein Erdebeben ankündigt? Welche physischen und psychischen Schicksale verbinden die Geschehnisse, wenn sich die Erde in unbändiger Wucht bewegt und von welcher Materie kann als einer natürlichen berichtet werden, wenn es sich um solche Bewegungen handelt?

Naturereignisse in Beziehung zum Anthropozän, ob unabdingbar verknüpft mit dessen Wirken oder gerade losgelöst von der Arroganz des menschlichen Schaffens, Esther Kinsky nimmt sich ihrer an und fast sie in eine solch feine Sprache, dass es kaum auszuhalten ist. Ihr Stil ist wirklich einmalig, sprachlich wie narrativ bewegt sich Rombo auf höchstem Niveau ohne sich dabei aufzudrängen.

Kinsky, Esther: Rombo; Suhrkamp Verlag 2022; 24,00€


Freitag, 18. März 2022

Kaśka Bryla: Die Eistaucher

Iga, Ras, Jess und Saśa verbindet dieses unheilvolle Ereignis. Wozu ihre jeweiligen Erfahrungen mit erlebten Ungerechtigkeiten führen, erschließt sich den Lesenden spannungsreich Stück für Stück. Ras, der meint seinen Verstand zu verlieren, sieht sich in einer Abwärtsspirale gefangen. Iga, ihr Board Loaded Dervish immer unter den Füßen, zwischen Ablehnung und Anziehung ihrer Umwelt gleitend, treibt es immer mehr Richtung Isolation. Jess' Gewahrwerden der Unzulänglichkeiten des Lebens schwankt zwischen Aktionismus und Theoretisierung. Saśa mit seiner Überschreitung des Menschlichen.…

Dialog und Schilderung halten sich stilistisch die Wage, die Erzählweise ist sprunghaft-linear, die Perspektiven glaubhaft und intensiv. Wie eine brüchige und gleichsam dichte Eisschicht nehmen die Ereignisse Formen an. Das Ganze ist gespickt mit mysthisch-unheilvollen Elementen, die eine Kluft zwischen Realität und Fiktion schaffen und dabei ebenso real daherkommen, wie alltäglich-banales.

Ob mit Loaded Dervish oder nicht, Die Eistaucher von Kaśka Bryla hat einfach Drive und die vier Aussenseiter:innen Iga, Ras, Jess und Saśa bleiben einem lange im Gedächtnis.

Bryla, Kaśka: Die Eistaucher; Residenz Verlag 2022; 24,00€


Freitag, 18. März 2022

Müllensiefen, Domenico: Aus unseren Feuern

Müllensiefens Protagonist Heiko stellte mich beim lesen von Aus unseren Feuern regelmäßig auf die Probe: sympathisch, unsympathisch, Opfer, Täter, Arschloch?! Ich weiß es bis heute nicht und gerade das macht die Stärke der Figuren in diesem Roman aus. Süffig, roh und körperlich ist diese Sprache, die es gleichsam schafft ihre Protagonist:innen verletzlich zu zeichnen.

Wir begleiten Heiko bei seiner, teilweise sehr detailliert beschriebenen Arbeit als Leichenbestatter, es kommt soweit, dass er einen seiner besten Freunde auf dem sterilen Tisch betten muss. Seine Emotionen erschließen sich den Lesenden indirekt, Heiko ist kein Freund der großen Worte. Das gegenwärtig Erlebte führt zu Rückblenden in seine Jugendjahre, deren Ereignisse inhaltlich wie sprachlich in die Gegenwart reichen.

Drei Jugendliche, die ihren Platz zu finden versuchen, einerseits sich passiv den Gegebenheiten anpassend, andererseits voller Wut und dem Drang sich zu beweisen. Ruppig-tragisch-komische Dialoge stehen gekonnt neben trocken Erzähltem und schaffen so ein gutes Gespür für Heikos Innenleben, auch wenn er selbst dazu schweigt. Ich kann es kaum erwarten, dass Domenico Müllensiefen noch sehr viel mehr veröffentlicht, ich bin großer Fan!

Müllensiefen, Domenico: Aus unseren Feuern; Kanon Verlag 2022; 24,00€